Deine Gefühle über dein Englisch sind echt. Aber erzählen sie dir auch die ganze Wahrheit?
Kennst du das? Ein Wort fällt dir nicht ein, und schon zweifelst du an deinem Englisch. Doch wie viel funktioniert eigentlich schon? Entdecke, wie du deine Fähigkeiten realistischer einschätzen und deinem Englisch wieder mehr vertrauen kannst.
Wenn ich jemanden zum ersten Mal in einem Coaching-Gespräch kennenlerne, interessiert mich nicht nur, wie gut die Person Englisch spricht oder wo sie sich verbessern möchte. Mich interessiert vor allem, wie sie sich dabei fühlt. Ist sie nervös? Fühlt sie sich unsicher? Hat sie Angst, Fehler zu machen? Oder ist sie vielleicht einfach frustriert, weil sie das Gefühl hat, dass ihr Englisch nicht das widerspiegelt, was sie eigentlich ausdrücken möchte?
Warum ist mir das so wichtig? Weil ich in meiner Arbeit immer wieder feststelle, dass unsere Gefühle gegenüber einer Sprache oft viel mit unseren bisherigen Erfahrungen zu tun haben. Und manchmal lassen wir diese Gefühle unsere Realität stärker beeinflussen, als uns bewusst ist.
Stell dir vor, du bist in einem Meeting und möchtest etwas erklären. Du weisst genau, was du sagen willst, aber plötzlich fällt dir ein bestimmtes Wort nicht ein. Du suchst danach, wirst nervös, vielleicht sogar ein bisschen verlegen. Irgendwie schaffst du es trotzdem, deinen Gedanken auszudrücken, und das Gespräch geht weiter. Eigentlich ist also gar nicht so viel passiert. Aber auf dem Heimweg denkst du nicht an all die Dinge, die du erfolgreich kommuniziert hast. Du denkst an dieses eine Wort, das dir nicht eingefallen ist.
Und genau hier passiert etwas Interessantes. Aus einer einzelnen Erfahrung entsteht plötzlich eine viel grössere Schlussfolgerung: «Mein Wortschatz ist zu klein.» Vielleicht wird daraus irgendwann sogar die Überzeugung: «Ich kann mich auf Englisch einfach nicht gut ausdrücken.»
Aber entspricht diese Überzeugung wirklich der Realität?
In meinen ersten Gesprächen mit neuen Klientinnen und Klienten höre ich oft solche Frustrationen. Und anstatt sofort nach Lösungen zu suchen oder mehr Vokabeltraining vorzuschlagen, versuche ich zunächst zu verstehen, woher dieses Gefühl kommt. Gab es eine bestimmte Situation? Eine unangenehme Erfahrung? Vielleicht einen Moment, in dem jemand korrigiert wurde oder sich vor anderen blamiert gefühlt hat?
Denn Gefühle entstehen selten einfach aus dem Nichts. Sie haben eine Geschichte. Und wenn wir anfangen, diese Geschichte zu verstehen, können wir auch die Überzeugungen hinterfragen, die daraus entstanden sind.
Nehmen wir noch einmal das Beispiel mit dem Wortschatz. Wenn mir jemand erzählt, wie frustrierend es ist, dass ihm ständig Wörter fehlen, stelle ich gerne eine einfache Frage:
«Verglichen mit den Wörtern, die du nicht gewusst hast, wie viele Wörter hast du eigentlich erfolgreich verwendet?»
Ich liebe diesen Moment, wenn jemand kurz darüber nachdenkt und plötzlich merkt, dass er die ganze Situation bisher nur aus einer Perspektive betrachtet hat. Denn natürlich gab es dieses eine Wort, das gefehlt hat. Aber gleichzeitig wurden vielleicht Hunderte andere Wörter erfolgreich eingesetzt. Gedanken wurden ausgedrückt, Informationen ausgetauscht und ein Gespräch geführt.
Das vergessene Wort war real. Die Frustration darüber ebenfalls. Aber die Schlussfolgerung, dass der eigene Wortschatz grundsätzlich unzureichend ist, muss deshalb noch lange nicht stimmen.
Und genau darum geht es mir.
Ich möchte niemandem einreden, dass sein Englisch besser ist, als es tatsächlich ist. Natürlich gibt es Wissenslücken, sprachliche Unsicherheiten und Bereiche, an denen wir gemeinsam arbeiten können. Aber ich möchte verhindern, dass einzelne negative Erfahrungen zu allgemeinen Überzeugungen werden, die jemanden davon abhalten, sein Englisch überhaupt zu nutzen.
Denn wie wir uns mit unserem Englisch fühlen, ist nicht immer ein zuverlässiger Hinweis darauf, was wir tatsächlich damit erreichen können.
Für mich beginnt deshalb ein wichtiger Teil des Coachings damit, Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schaffen. Wenn wir erkennen, welche Erfahrungen hinter unseren Frustrationen stecken und welche Geschichten wir uns darüber erzählen, können wir anfangen, zwischen unseren Gefühlen und unseren tatsächlichen Fähigkeiten zu unterscheiden.
Und manchmal braucht es dafür gar keine neue Grammatikregel oder eine längere Vokabelliste. Manchmal hilft es schon, die eigene Erfahrung aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Ich möchte, dass Menschen ihre sprachlichen Herausforderungen erkennen und daran wachsen können. Aber genauso wichtig ist mir, dass sie lernen, ihre bereits vorhandenen Fähigkeiten wahrzunehmen und wertzuschätzen.
Denn wer nur darauf achtet, was beim Englischsprechen nicht funktioniert, übersieht irgendwann, wie viel eigentlich schon funktioniert.